Gibt es überhaupt einen Pflegegrad bei Depression?

Werden Personen mit psychischen Beeinträchtigungen überhaupt beim Verfahren der Feststellung von Pflegebedürftigkeit berücksichtigt?

Diese Frage ist eindeutig mit „Ja“ zu beantworten!

In den (alten) Begutachtungs-Richtlinien Pflege – BRi steht in Zusammenhang mit psychisch kranken Personen u. a.:

  • mit dem zweiten Pflegestärkungsgesetz (PSG II) wurden zum 01.01.2017 die Pflegeversicherung und die pflegerische Versorgung durch einen neuen Pflegebedürfnisbegriff und ein neues Begutachtungsinstrument auf eine neue pflegefachliche Grundlage gestellt werden.
  • erstmals sollen damit alle für die Feststellung von Pflegebedürftigkeit relevanten Kriterien in einer für alle Pflegebedürftigen einheitlichen Systematik erfasst werden, unabhängig davon, ob diese auf körperlichen, psychischen oder kognitiven Beeinträchtigungen beruhen

Auch bei der Definition des Begriffes „Pflegebedürftigkeit“ ist die Berücksichtigung in Bezug auf die psychischen Beeinträchtigungen eindeutig. Siehe:

§ 14 SGB XI Begriff der Pflegebedürftigkeit

Pflegebedürftig im Sinne dieses Buches sind Personen, die gesundheitlich bedingte Beeinträchtigungen der Selbständigkeit oder der Fähigkeiten aufweisen und deshalb der Hilfe durch andere bedürfen. Es muss sich um Personen handeln, die körperliche, kognitive oder psychische Beeinträchti-gungen oder gesundheitlich bedingte Belastungen oder Anforderungen nicht selbständig kompensieren oder bewältigen können.

Wie definiert sich eine Depression?

Als Hauptsymptome einer Depression gelten nach dem internationalen Klassifi-kationssystem ICD-10:

  • depressive Stimmung (keine Trauer!)
  • Interessenverlust, Freudlosigkeit
  • Antriebsmangel, erhöhte Ermüdbarkeit

Häufige Zusatzsymptome sind nach dem internationalen Klassifikationssystem ICD-10:

  • Störungen der Konzentration, der Aufmerksamkeit und des Denkvermögens
  • vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen
  • Gefühle von Schuld und Wertlosigkeit
  • negative und pessimistische Zukunftsvorstellungen
  • Selbsttötungsgedanken oder -handlungen
  • Schlafstörungen
  • verminderter Appetit

Eine Depression wird nach ihrem Schweregrad eingeteilt:

  • leichte depressive Episode
    wenn mindestens zwei Hauptsymptome wie z.B. depressive Stimmung und Antriebsmangel und zwei Zusatzsymptome wie z.B. Schuldgefühle und Schlafstörungen auftreten
  • mittelgradige (mittelschwere) Depression
    wenn zwei Hauptsymptome und mindestens drei, höchstens aber vier weitere Symptome vorliegen
  • schwere Depression
    wenn alle drei Hauptsymptome und mindestens vier zusätzliche Symptome vorhanden sind. Außerdem müssen die Beschwerden mindestens über zwei Wochen anhalten.

Neben dieser oben genannten Einteilung gibt es noch sogenannte spezielle Formen (Subtypen).

(Quelle: Neurologen und Psychiater im Netz)

Begutachtung nach Pflegeantrag bei Depression

Der Gutachter (m/w) muss beim Verfahren zur Feststellung von Pflegebedürftigkeit dem sogenannten Formulargutachten folgen (bei Verfahren zur Feststellung der Pflegebedürftigkeit).

Bei folgenden Modulen muss der Gutachter (m/w) prüfen inwieweit der Grad der Selbstständigkeit oder der Fähigkeit beeinträchtigt ist und welche psychischen Beeinträchtigungen nicht selbstständig verarbeitet oder bewältigt werden können.

Eine Depression kann als Folge verschiedenster Ursachen auftreten. Sind u. a. körperliche Defizite für den Hilfebedarf ursächlich verantwortlich, kann aufgrund der Abhängigkeit von fremder Hilfe und der zunehmende Verlust der Selbstständigkeit eine Depression auslösen.

Der Gutachter muss in dem genannten Fall nicht nur das Modul 3 (Verhaltensweisen und psychische Problemlagen) berücksichtigen, sondern auch die Module 4 (Selbstversorgung = Körperpflege – An- und Auskleiden – Nahrungsaufnahme – Toilettengänge – Inkontinenz), das Modul 5 (Bewältigung von und selbständiger Umgang mit krankheits- oder therapiebedingten Anforderungen und Belastungen) und das Modul 6 (Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte).

Durch die oben genannten Haupt- und Zusatzsymptome bei einer Depression kann sich z. B. bei Interessenlosigkeit und Antriebsarmut ein Hilfebedarf bei der Körperpflege und oder der Tagesgestaltung ableiten.

In diesem Fall muss die Person motiviert werden eine regelmäßige und regel-rechte Körperpflege aufrechtzuerhalten. Selbst wenn die Person körperlich in der Lage ist die Aktivität (z. B. Zähneputzen) selbstständig durchzuführen, bedarf sie an Tagen mit den o.g. Symptomen der Motivation, bzw. Aufforderung die Aktivität auch durchzuführen.

Diese Aufforderung ist bei der Bewertung des Grades der Selbstständigkeit wie folgt zu berücksichtigen:

4.4.2 Körperpflege im Bereich des Kopfes

Überwiegend selbständig: … alternativ „sind Aufforderungen erforderlich“

Wenn die Person aufgrund ihrer Verhaltensweise zu allen Aktivitäten aufgefordert werden muss, ist bei allen Aktivitäten dieser Aufforderungsbedarf mit jeweils
einem Einzelpunkt zu bewerten.

Im Rahmen der Ermittlung der körperlichen, kognitiven und psychischen Beeinträchtigungen darf der Gutachter (m/w) nicht nur die Momentaufnahme berücksichtigen. Er muss neben der antragstellenden Person auch die Pflegeperson/en zu den unterschiedlichen Tagesformen befragen.

Dazu Neues Begutachtungsassessment (NBA) unter Punkt:

4.5.2 F 1.2 Pflegerelevante Vorgeschichte (Anamnese), medizinische und pflegerische Angaben unter Berücksichtigung der Auswirkungen auf die Selbst-ständigkeit oder die Fähigkeiten

die persönliche Einschätzung der Betroffenen zu ihren derzeitigen gesundheitlichen und pflegerischen Problemen, Bedürfnissen und Veränderungs-wünschen ist zu erfassen. Es ist nach den pflegerelevanten Erkrankungen und Beschwerden zu fragen. Auch Tagesformschwankungen oder beson-dere Belastungen für die Pflegenden sind aufzunehmen. Anamnestische Angaben zu kognitiven Fähigkeiten oder herausforderndem Verhalten sind im Hinblick auf die Bewertung der Module 2 und 3 zu erfragen und hier aufzunehmen. Besonders bei Erkrankungen mit wechselnder Symptomatik erleichtert dieses Vorgehen die nachfolgende gutachterliche Beurteilung der Selbständigkeit.

Unter Punkt. 4.8.2 findet sich folgende Definition:

grundsätzlich gilt, dass vorübergehende (voraussichtlich weniger als sechs Monate) oder vereinzelt (weniger als einmal pro Woche) auftretende Beeinträchtigungen der Selbständigkeit oder der Fähigkeiten nicht zu berücksichtigen sind.

Hieraus leitet sich zweifelsfrei ab, dass auftretende Beeinträchtigungen der Selbstständigkeit oder der Fähigkeiten, die voraussichtlich länger als sechs Monate anhalten und vereinzelt (mindestens einmal pro Woche) auftreten, zu berücksichtigen sind!

Die Häufigkeit des notwendigen personellen Interventionsbedarfs wird in den Tabellen zur Bewertung entsprechend gewürdigt:

  • nie oder sehr selten
  • selten (ein- bis dreimal innerhalt von zwei Wochen)
  • häufig (zweimal bis mehrmals wöchentlich, aber nicht täglich)
  • täglich

Je nach Häufigkeit werden die sogenannten Einzelpunkte vergeben.

  • keine (0)  Punkte bei „nie oder sehr selten“
  • einen (1) Punkt bei „selten“
  • drei (3) Punkte bei „häufig“
  • und fünf (5) Punkte bei „täglich“ notwendiger personeller Intervention

Nicht nur das Krankheitsbild ist sehr komplex, sondern auch die korrekte Ermittlung der körperlichen, kognitiven und psychischen Beeinträchtigungen der Selbstständigkeit.

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